Baubeheizung: Mit Flüssiggas durch den Winter

Lesezeit: 4 Minuten

Das Baugeschäft ist längst ein Ganzjahresgeschäft. Beheizte Container bieten Handwerkern und Planern ein Obdach. Flüssiggas ist auf dem Bau aber auch an anderer Stelle nützlich.

Dieser Blick vom Dach des im Bau befindlichen Hotels im Osten Wiesbadens ist spektakulär: Aus dem Zentrum der Stadt erhebt sich in rotem Backstein die neugotische Marktkirche, auf einem Hügel weiter nördlich glitzern die goldenen Kuppeln der russisch-orthodoxen Kapelle im Sonnenlicht. Für all das haben die Männer hier oben jedoch keine Augen. Sie konzentrieren sich an diesem Oktobertag auf eine wichtige Zwischenstation: Heute wird die letzte Decke fertig betoniert. Ein Arbeiter richtet das Endrohr der riesigen Betonpumpe auf die Dachfläche. Behutsam verteilt er den flüssigen Baustoff, der vom Boden bis in rund 30 Meter Höhe gepumpt wird. Seine Kollegen stehen im Hintergrund bereit, um den frisch gegossenen Beton glatt zu streichen.

Flüssiggas-Heizung in Baucontainern wärmt die Mitarbeiter

Für Oktober ist es ungewöhnlich warm an diesem Nachmittag, einige der Männer arbeiten sogar im T-Shirt. Morgens zu Schichtbeginn war das freilich noch anders. Um die fünf Grad zeigte das Thermometer, als die Ersten an den Baustellencontainern eintrafen, sich dort umzogen und sich im Aufenthaltscontainer den ersten Kaffee einschenkten – bei angenehmer Raumtemperatur. „Ohne Heizung könnten wir hier nicht vernünftig arbeiten“, sagt Knut Keller. Der Projektleiter der von der Dreßler Bau GmbH betriebenen Baustelle zeigt auf den weißen Heizkörper an der Stirnseite seines Bürocontainers: „Von da kommt die Wärme, wann immer wir sie brauchen.“ Dass Keller und seine Leute die Wärme brauchen, steht fest. Schließlich arbeiten sie schon lange nicht mehr nur im Frühjahr und Sommer oder an milden Herbsttagen. „Winterpausen gibt es bei einer Baustelle dieser Größenordnung nicht“, sagt er und blickt auf den dicht beschriebenen Arbeitsplan an der Wand seines Bürocontainers: Wo Mitte Oktober gerade einmal der Rohbau steht, sollen im Juni schon die ersten Hotelgäste übernachten.

baustellen galerie5

Baucontainer wie dieser bleiben in der kalten Jahreszeit dank Flüssiggas angenehm warm.

»Winter­pausen gibt es bei unserer Baustelle nicht.«
Knut Keller

Wirtschaftlichkeit überzeugt die Baubranche

Die Energie, die nötig ist, damit Baustellen wie diese ganzjährig funktionieren, damit also Arbeiter, Architekten und Ingenieure auch an kalten Wintertagen die Baucontainer jederzeit zum Umziehen, Ausruhen, für Büroarbeiten oder Besprechungen nutzen können, liefert häufig Flüssiggas. Gerade bei Großbaustellen mit längerer Laufzeit eignet sich der Energieträger ideal zum Heizen. „Der größte Vorteil ist die Wirtschaftlichkeit“, sagt Sebastian Hessler. Er ist ebenfalls Bauleiter bei der Dreßler Bau GmbH, seine Baustelle liegt nur etwa einen Kilometer vom Hotelrohbau entfernt und ist noch etwas größer. Auf einem 13.600 Quadratmeter großen Grundstück entsteht ein modernes Bürogebäude, in dem künftig rund 1.100 Mitarbeiter eines Versicherungskonzerns arbeiten sollen. Insgesamt 32 Baucontainer müssen hier warm gehalten werden – wie auch beim Hotelneubau geschieht das mit Flüssiggas. „Wenn wir im Winter mit Strom heizen würden, wäre das um ein Vielfaches teurer“, erklärt Hessler.

Tatsächlich zeigen Beispielrechnungen: Bei großen Baustellen kann sich der Kostenvorteil schnell auf mehrere Tausend Euro summieren. Die Wirtschaftlichkeit ist jedoch nicht der einzige Vorteil, den Flüssiggas gegenüber anderen Energiequellen am Bau bietet. Auch der Umweltschutz ist ein wichtiges Argument: „Im Vergleich zu Strom reduziert die Nutzung von Flüssiggas den Ausstoß von Kohlendioxid um bis zu 50 Prozent, Rückstände wie Ruß, Asche oder Feinstaub entstehen praktisch gar nicht“, erklärt Kai Gospodarek, Bereichsleiter Verkauf beim Anbieter PROGAS. Sie profitieren vor allem bei langfristigen Bauprojekten vom geringen Schadstoffausstoß, da ab einer Standzeit von 24 Monaten auch Baucontainer unter die Energieeinsparverordnung fallen und folglich strengere Umweltkriterien erfüllen müssen. Während der Primär-Energiefaktor von Strom bei 1,8 liegt, beläuft sich dieser Wert bei Flüssiggas nur auf 1,1 Prozent – weshalb sich damit die Referenzwerte für den Jahres-Primärenergiebedarf deutlich leichter einhalten lassen.

Bauarbeiter nutzen Flüssiggas auch für Heizstrahler und Gasbrenner 

Außer in den Containern findet Flüssiggas mitunter auch als Heizmittel direkt im Baugeschehen Anwendung. Mobile Warmluftgeräte und Infrarotstrahler in unterschiedlichen Größen und Ausführungen können Bauarbeitern und Handwerkern auch an Wintertagen eine angenehme und für die jeweilige Arbeit notwendige Temperatur liefern. Im Straßenbau liefert Flüssiggas unter anderem die Energie, um den Straßenbelag vor Ort aufzubereiten und den Asphalt an den Rändern zu schmelzen. Auf einer Baustelle in Dresden wiederum stellt PROGAS zusätzlich zur Containerwärme die Energiequelle für eine Winterbauheizung im kompletten Neubau zur Verfügung. Der Einsatz von Flüssiggasgeräten hat sich bei der Trocknung von Neubauten bewährt, weil der Bau dadurch früher fertiggestellt und bezogen werden kann. In diesem Fall erhöhen die Gasgeräte die Frühfestigkeit des Betons, indem sie die Wärme direkt am Einsatzort an die Schalung bringen. Die Flüssiggasgeräte sind fein zu regulieren und überzeugen durch einen hohen Wirkungsgrad. Die Wärme lässt sich nahezu ohne Verzögerung an den Bedarf anpassen. Zudem benötigen die Geräte, anders als ölbetriebene Heizungsanlagen, keinen Abgasanschluss.

Große Behälter sorgen für Flüssiggas-Nachschub

Der häufigste Einsatzzweck von Flüssiggas auf Baustellen bleibt aber das Beheizen von Containern. Mehrere Großprojekte in ganz Deutschland versorgte allein der Anbieter PROGAS in den vergangenen Wintern: In Hamburg etwa die neue Konzernzentrale von Beiersdorf samt Forschungszentrum, in München einen fünfteiligen Gebäudekomplex für Büros, Business­Apartments, Studentenwohnungen und ein Hotel, in Düsseldorf ein neues Gewerbegebiet am Flughafen – überall wurde mit Flüssiggas geheizt. In der Regel kommt es aus einem Tank am Rand der Baustelle. 2.300 Liter fasst dieser Behälter auf der Großbaustelle des Versicherungskonzerns in Wiesbaden. Er steht, von Bauzäunen umgeben, hinter der Containersiedlung. „Momentan ist er zu 70 Prozent voll“, sagt Polier Martin Etzel, der regelmäßig den Füllstand überprüft, um rechtzeitig Nachschub zu bestellen. Während des ungewöhnlich warmen Herbstes liefen die Gasheizungen meist auf Sparflamme. Aber das, weiß Etzel, wird sich bald ändern: „Kalt wird es schneller, als man denkt.“

Artikel zuletzt aktualisiert am: 15.09.2020
Fotos: Michael Herdlein, Thomas Philipp, Elbphilharmonie/Maxim Schulz, XFEL

»Kalt wird es schneller, als man denkt.«
Martin Etzel
Das könnte Sie auch interessieren
Energie einfach selbst erzeugt

Ein Flüssiggas-BHKW bietet im Betrieb ein großes Einsparpotenzial.

Mehr erfahren
Welcher Stapler passt zu meinem Betrieb?

Gas, Diesel oder Elektro – welcher Gabelstapler-Antrieb hat welche Vorzüge?

Mehr erfahren
Schritt für Schritt zum Eigenheim

Bei einem Bauprojekt sollten Sie einige wichtige Dinge im Blick haben.

Mehr erfahren
Jetzt
Newsletter
bestellen